Gutachten für Neuendorf, Kesselheim, Lützel und Wallersheim: Probleme bereiten vor allem fehlende Rückhaltegebiete - Mauer für Koblenz geplant
Gutachten für Neuendorf, Kesselheim, Lützel und Wallersheim: Probleme bereiten vor allem fehlende Rückhaltegebiete - Mauer für Koblenz geplant
In Anbetracht derzeitiger Pegelstände ist es nur schwer vorstellbar, dass der Rhein noch ein anderes Gesicht hat. Die Bürger in Neuendorf, Kesselheim, Lützel und Wallersheim erinnern sich aber gut an die Tage, als Kamerateams durch die Straßen paddelten und das letzte Hochwasser eindrucksvoll dokumentierten. Geht es nach dem Willen der SPD-Ratsfraktion sollen diese Bilder bald der Vergangenheit angehören.
KOBLENZ. Auf der gut besuchten Bürgerver-sammlung, zu der die SPD-Sommerfraktion geladen hatte, informierten Ernesto Rodriguez, Professor für Wasserbau- und Wasser-wirtschaft an der Technischen Hochschule (TH) in Wiesbaden, Wilhelm Augst, Referent für Hochwasser der SGD Nord, Gerhard Lehmkühler, Sprecher für Umweltfragen sowie Oberbürgermeister Eberhard Schulte-Wissermann, Vertreter der Stadtverwaltung und verschiedene Ratsmitglieder über den Stand der Planung. Fazit: Die Untersuchungen sind jetzt abgeschlossen. Das Projekt geht jetzt in die entscheidende Phase: Sollte die Stadt dem Vorschlag der Sachverständigen zustimmen, wird der Plan dem Umweltministerium in Mainz zur Abstimmung vorgelegt. Die Experten hatten es sich bei der Planung nicht leicht gemacht.
Retentionsräume fehlen
Besonders das Nichtvorhandensein geeigneter Retentionsräume (Rückhaltegebiete) bereitete
Probleme. Das Gesetz schreibt vor, dass Hochwasserschutz und Überschwemmungsraum unmittelbar vor Ort ausgeglichen werden müssen. Der ist jedoch in der Region Koblenz nicht vorhanden, erklärt Wilhelm Augst. Bestenfalls oberhalb von Bingen seien etwaige Rückhaltebecken relisierbar. In der Region Mittelrhein jedoch nicht. Augst: "Dafür ist es einfach zu eng." Daher werde die Region auch nach wie vor bei größeren Hochwassern überschwemmt. "Das Gebiet wirkt dann wie ein Polder, der die 'Unterlieger' entlastet." Nur die Reaktionszeit der betroffenen Bürger wird erhöht. "Einen Rundum-Schutz gibt es nicht", so Augst weiter.
Für die betroffene Region in Koblenz ist ein Hochwasserschutz mit vollständiger Ver-spundung bis auf den Fels geplant. Zusätzlich soll eine zwei Kilometer lange Mauer entlang der Rheinpromenade die Fluten in Schach halten. Kosten des Projekts: rund 27 Millionen Euro. 90 Prozent davon übernimmt das Land. Den Rest zahlt die Stadt Koblenz.
Um den dahinter liegenden Gemeinden Zugang zum Grundwasser zu ermöglichen, sind am Mosel- und Industriehafen zusätzlich Lücken, sogenannte Fenster, vorgesehen. Durch die geplante Maßnahme wäre ein wirksamer Schutz gegen ein zehnjähriges Ereignis gewährleistet. Das entspricht einem Pegel-stand von 8,16 zuzüglich 30 Zentimetern.
Dadurch würde gleichzeitig ein Kosten-Nutzen-Optimum von 1,3 entstehen, so Wilhelm Augst. Das bedeutet, dass pro eingesetztem Euro 1,30 Euro voraussichtliche Schäden verhindert werden könnten.
Gestalt der Mauer ungewiss
Derweil ist die Gestalt der Mauer noch unge-wiss. Möglich wäre eine Betonmauer mit Bruch-steinverblendung, die im Bedarfsfall durch mobile Elemente um bis zu drei Meter erhöht werden könnte. Ob eine Erhöhung jedoch über-haupt erstrebenswert ist, sieht Professor Rodriguez als fraglich an. Er meint, dass die Bürger lernen müssen, sich auf das Hoch-wasser einzustellen. "Es ist nicht sinnvoll die Schutzgrade zu erhöhen, denn das führt in der Regel zu einer gesteigerten Risikobereitschaft."
Stellt sich am Ende die Frage, ob man die Re-aktionszeit der Bürger nicht auch durch eine bessere Hochwasservorhersage erreichen könnte. Ernesto Rodriguez: "Die Hochwasser-vorhersage am Rhein ist schon spitzenmäßig. Eine Verbesserung der Vorhersage wäre nur möglich, wenn man die Niederschlagsmessung durch Radaraufzeichnung ersetzt." Bis dahin wird wohl noch viel Wasser den Rhein runter-fließen.
Oliver Krawcyk
Rhein-Zeitung, 30./31. August 2003