Der städtebauliche Hintergrund zum " Feldversuch Sperrung Clemensstraße"

Veröffentlicht am 24.09.2003 in Fraktion

Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion, Jürgen Zahren, erläutert den städtebaulichen Hintergrund zum "Feldversuch Sperrung Clemensstraße"

Wie in fast allen deutschen Städten, haben sich viele Bereiche des Einzelhandels, die sich früher in der Innenstadt im Zentrum befanden, in die Peripherie –im Falle Koblenz nach Mülheim Kärlich- außerhalb der Stadt verlagert. In Koblenz kommt noch die Besonderheit hinzu, dass durch den Bau des Löhr-Centers erhebliche Käuferströme an den Rand der Innenstadt gelenkt wurden, die für eine positive Belebung des Stadtkerns fehlen.

Diese Situation hat zur negativen Entwicklung der Nachfrage u.a. beim Quelle- und GEWA-Gebäude und zur Entleerung des Stadtzentrums geführt. Bei der GEWA kam zweifellos noch die trennende Funktion der Clemensstraße mit ihrer 4-spurigen Verkehrsführung hinzu.
Dieser Prozess ist kurzfristig nicht umkehrbar. Für die Erhaltung eines attraktiven Einzelhandels brauchen wir -wie es der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in seinem "Zukunftsprogramm Stadt und Handel" ausdrückt- einen radikalen Schnitt von der Politik der Erweiterung hin zu einer Politik der Bestandspflege.
Die Neugestaltung des Entenpfuhls, Firmungsstraße, der Schlossstraße und unsere Vorschläge zur Umgestaltung der Löhrstraße zwischen Bahnhof und Schlossstraße sind Ansätze für einen solchen Schritt. Das von der Stadt Koblenz in Auftrag gegebene Einzelhandelsgutachten betont ausdrücklich die Bedeutung des fußläufigen Erlebniskaufs für die Entwicklung des Einzelhandels. Diese Maßnahmen sind aber nicht ausreichend. Wir müssen die Stadt als Wohn- und Lebensraum, als Mittelpunkt menschlichen Zusammenfindens wieder beliebter machen. Wir brauchen eine City-Offensive. Gefragt ist ein Innenstadt-Entwicklungskonzept zur qualitativen Erneuerung. Die Neugestaltung des Zentralplatzes bietet dazu eine einmalige, vielleicht sogar die letzte Chance.
Wie das Beispiel "Feldversuch Sperrung der Clemensstraße" zeigt, sind für einen derartigen vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels geforderten radikalen Schnitt erhebliche Widerstände zu erwarten. Einmal von denjenigen, die aus Eigeninteresse dem Bau von Durchgangsstraßen Vorrang einräumen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass viele Leserbriefschreiber in der Rhein-Zeitung von außerhalb kommen bis zum Europaabgeordneten der CDU. Zum anderen diejenigen, die immer noch glauben, mit Straßenbau und Parkplatzangebot der Konkurrenz auf der grünen Wiese Paroli bieten zu können.
Mit diesen Widerständen haben wir seit über 50 Jahren in der Stadt Koblenz zu leben. Sie fingen an mit der Einrichtung der Fußgängerzone in der Löhrstraße, am Jesuitenplatz im Entenpfuhl, in der Firmungsstraße und am Görresplatz. Jahrelang haben sich die Konservativen auch dagegen gewehrt, Zonen für Parkraumbewirtschaftung für Anwohner in den Wohngebieten einzurichten, um die Wohnqualität zu verbessern. Die SPD hat einen langen Atem bewiesen: sie hat sich durchgesetzt. Und der Umstand, dass Koblenz in diesem Jahr zum ersten Male seit Jahren wieder wächst, ist ein Zeichen dafür, dass die Attraktivität der Stadt zum Wohnen zugenommen hat.
Wir brauchen einen neuen Mittelpunkt auch für die weitere Entwicklung des Tourismus in Koblenz. Es erstaunt immer wieder, die Menschen zu hören, die begeistert darüber sind, durch welche schönen Fußgängerzonen sie im Ausland gebummelt sind, aber zu Hause glauben, sie müssten mit dem Auto ins Kaufhaus fahren können.
Die Sparkasse Koblenz, die für die Renovierung des GEWA-Hauses nahezu 20 Mio. investiert, beschreibt in ihrem Prospekt visionäres. "Der Zentralplatz und das Schängel-Center (früher GEWA) sind das Herz der Stadt und Hauptknotenpunkt von Koblenz. Nahezu jeder Bereich des täglichen Business- und Kulturlebens der City ist von hier aus in wenigen Gehminuten erreichbar, entsprechend stark wird er frequentiert". Und weiter heißt es. "Das Schängel Center an der Nordseite des Zentralplatzes ist Geschäfts-
zentrum und gleichzeitig die direkte Verbindung zur Altsstadt, architektonisch optimiert und ganz im alten und zukünftigen Sinne der eigentlichen Funktion als Herz der City". Wer diese Vision, diese Zielsetzung ernst nimmt und die begleitenden Bilder im Prospekt betrachtet, wird feststellen, dass ein 4-spuriger Autoverkehr vor dem Schängel-Center nicht mit diesem Konzept vereinbar ist.
Koblenz ist das Eingangstor für das Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal. Koblenz hätte die einmalige Chance durch Errichtung eines kulturellen Dokumentationszentrums zum Weltkulturerbe und zur Rheinromantik auf dem Zentralplatz einen neuen Mittelpunkt für unsere Stadt aber auch einen touristischer Anziehungspunkt für Gäste aus dem In- und Ausland zu schaffen.
Dieses wichtige Ziel darf nicht durch eine von Emotionen und Interessen geprägte Diskussion, ob z.B. der Durchgangsverkehr von Lützel zur Bezirksregierung auf dem direkten Wege über die Clemensstraße führen muss oder nicht aus den Augen verloren werden. Wer seine Visionen zugunsten kurzfristiger populistischer Effekthascherei aufgibt, schadet unserer Stadt.
Der Vorsitzende der Architektenkammer Koblenz/Landkreis Neuwied, Herr Seufferle plädiert für die Chance, die Innenstadt vor allem langfristig den Kunden, Bewohnern und Besuchern zurückzugeben. Nur dann werde der Stadtraum als Erlebniseinkauf wieder relevant. Mit Parkplatz- und Verkehrsangeboten wie in den Gewerbegebieten könne und solle ein Stadtzentrum nicht im Wettbewerb stehen. "Die Aufenthaltsqualität und die Stadtgestaltung werden durch Räume geprägt und nicht durch Fahrzeuge", so Architekt Seufferle. Wir sollten dem Rat der Sachverständigen hören und nicht dem der selbst ernannten Experten, so der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion Jürgen Zahren.